Innovation zum Anfassen: Wie die STFW Lernende fit für die Zukunft der Fahrzeugbranche macht

Neue Maschinen, neue Möglichkeiten: Mit einer digitalen Richtbank und einem automatisierten Lackierroboter erweitert die STFW ihr Ausbildungsangebot. Lernende erhalten damit früh Einblick in Technologien, die in der Branche an Bedeutung gewinnen.

In der Carrosserie-Abteilung beginnt der Blick in die Zukunft mit einem System, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt und doch einen fundamentalen Wandel markiert. Die neue Richtbank, hergestellt vom schwedischen Unternehmen Car-O-Liner und in der Schweiz durch Blutech AG vertrieben, bringt digitale Präzision in die Fahrzeugvermessung. Herzstück ist das System CAR-O-TRONIC, das auf eine Datenbank von rund 22'000 Fahrzeugmodellen zugreift – inklusive laufender Updates, oft bereits wenige Tage nach Markteinführung neuer Modelle.

Der Messprozess folgt klar definierten Schritten: Fahrzeug auswählen, System kalibrieren, Daten erfassen. Via Bluetooth werden anschliessend die Messwerte übermittelt und direkt mit den Soll-Daten abgeglichen. Innerhalb von 30 bis 40 Minuten entsteht so ein exaktes Schadenbild der Carrosserie. Nur kann festgestellt werden, ob auf einem tragenden Bauteil im Schadenbereich ein Verzug herrscht oder nicht.

 

Fachlehrer Luciano Poppi überprüft die Messwerte mit den Sollwerten im CAR-O-TRONIC System

Vom Handwerk zur digitalen Analyse

Der Unterschied zu früher ist markant. Während Carrosserien einst mit mechanischen Messsystemen überprüft wurden – zeitaufwendig und abhängig von symmetrischen Fahrzeugstrukturen –, ermöglicht die digitale Technologie heute eine deutlich schnellere und präzisere Analyse. Gerade bei modernen Fahrzeugen, die oft asymmetrisch gebaut sind, stösst die klassische Methode an ihre Grenzen. Die digitale Vermessung hingegen liefert zuverlässige Daten, die unabhängig von der Bauweise der Fahrzeugmodelle sind.

«Die Lernenden sehen bei uns die gesamte Bandbreite der Vermessungssysteme», sagt Luciano Poppi, Fachlehrer Carrosseriespenglerei. Neben dem Car-O-Liner-System wird bewusst auch mit anderen Systemen, wie beispielsweise Cameleon oder Naja von Celette unterrichtet, um so eine möglichst hohe Handlungskompetenz zu erlangen. Eine Besonderheit der STFW: Sie ist derzeit die einzige Schule, die das komplette Car-O-Liner-Programm – Richtbank, Richtarm, CAR-O-TRONIC, EVO 1, EVO 2 und EVO 3 – anbietet. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Auch im Qualifikationsverfahren (QV) der CarrosseriespenglerInnen wird auf einem dieser geschulten Systeme geprüft. Die Lernenden können somit unter realistischen Bedingungen üben und sich gezielt auf ihre Abschlussprüfung vorbereiten.
 

Die Car-O-Liner Richtbank

Wenn der Roboter lackiert

Während in der Carrosserie gemessen wird, hält in der Lackiererei eine andere Form von Innovation Einzug: der Lackierroboter Paint Go. Das System arbeitet vollautomatisch. Zuerst erstellt der Roboter einen 3D-Scan des Bauteils, erkennt dessen Geometrie und plant anschliessend eigenständig die optimalen Lackierbahnen. Die Lernenden definieren dabei zentrale Parameter wie Geschwindigkeit, Spritzabstand oder Anzahl der Lackierdurchgänge. Danach übernimmt die Maschine – mit konstanten Bewegungen und gleichmässiger Schichtdicke. Das Ergebnis: reproduzierbare Qualität auf höchstem Niveau.

 

Der Lackierroboter Paint Go in Aktion unter Aufsicht von Fachlehrerin Valentina Kasper

Technologie verstehen – nicht nur bedienen

«Wir wollen Teil eines technischen Fortschritts sein, den wir unseren Lernenden näherbringen können», erklärt Valentina Kasper, Fachlehrperson Lackiererei. Ziel sei es, Innovation nicht nur zu zeigen, sondern verständlich und greifbar zu machen. Im Unterricht arbeiten die Lernenden in Gruppen an verschiedenen Posten. Sie programmieren den Roboter, testen Einstellungen und kombinieren den Prozess mit weiteren Technologien, wie etwa dem Farbmischroboter Moonwalk, der sowohl manuell als auch automatisiert eingesetzt werden kann. So entsteht ein Lernumfeld, in dem Technik nicht abstrakt bleibt, sondern konkret erlebt wird.
 

«Die Autolackiererei ist und bleibt Handwerkskunst.»

Valentina Kasper

Fachlehrerin Lackiererei

quote

Keine Konkurrenz, sondern Unterstützung

Trotz aller Automatisierung bleibt der Mensch zentral. Der Paint-Go-Roboter kann zwar präzise arbeiten, ist jedoch vollständig auf die Eingaben und das Know-how der Anwender angewiesen.
Materialwahl, Oberflächenbeurteilung oder Qualitätskontrolle kann er nicht eigenständig übernehmen. Oder, pragmatisch formuliert: Ist die Farbe aufgebraucht, arbeitet der Roboter trotzdem weiter – nur ohne Ergebnis.
«Die Autolackiererei ist und bleibt Handwerkskunst», betont Valentina Kasper. Technologien wie der Paint Go seien daher als Unterstützung zu verstehen und nicht als Ersatz.
 

Ein Lernort für die Zukunft

Mit der neuen Richtbank und dem Lackierroboter schafft die STFW eine Ausbildungsumgebung, die den Wandel der Branche aktiv abbildet. Lernende erhalten nicht nur Einblick in modernste Technologien, sondern auch die Möglichkeit, diese selbst anzuwenden, zu hinterfragen und einzuordnen. Gerade in einem Berufsfeld im Umbruch ist dieses Verständnis entscheidend.
Denn wer die Werkzeuge von morgen kennt, ist bereit für die Herausforderungen von übermorgen.